Die Essenz der Meditation

Eine Geschichte über die Essenz der Meditation und darüber, wie jede Meditation mehr Tiefgang bekommt

Das Haar – über die Essenz alle Meditationsfomen

Am Morgen dieses letzten Tages forderte der Weise Großvater auf, sich in seinen Garten zu setzen. Dann erklärte er ihm alles, was er wissen wollte. Das erregte Großvater, denn er hatte diese Fragen noch keinem gestellt, und die Antworten schienen wie aus heiterem Himmel zu kommen. Der Weise erklärte Großvater, das Heilige Schweigen sei im Grunde genau das gleiche wie seine Meditation; die Meditation sei das gemeinsame Element in allen Religionen und Philosophien der Welt. Zwar habe sie im Laufe der Zeit verschiedene unklare, verworrene Formen angenommen, doch in Wirklichkeit sei alles Meditation. Einige Meditationsformen seien eben wirkungsvoller als andere, das sei alles. «Die Meditation ist einer der roten Fäden, eine der gemeinsamen Wahrheiten, die sich durch alles hindurch ziehen», erklärte der Weise. «Jede Religion, jede Philosophie hat ihre eigene Form der Meditation. Aber die meisten Formen sind durch die Dogmen und Lehren des Menschen, durch sein Bemühen, alles zu komplizieren, verfälscht worden. Sobald du die vier Grundpfeiler der Meditation kennst, wirst du wissen, warum die Religionen der Menschheit sich voneinander unterscheiden.» Der Weise lächelte Großvater zu und fuhr fort: «Die Meditation – dein Heiliges Schweigen – ist der Weg zum spirituellen Geist. Sie ist das Medium, die Brücke, die uns an diesen spirituellen Ort führt, unseren Geist reinigt und uns im Dualismus von Körper und Geist leben lässt. Das Problem heutzutage liegt darin, dass die Meditation für viele Menschen zu einem Endzustand geworden ist. Und so wurde das, was eigentlich nur eine Brücke sein sollte, inzwischen zum Gefängnis. Gleichgültig, welche Philosophie, welche Religion, welchen Weg man wählt: Jede Meditation beruht auf vier Grundpfeilern: Der Suchende muss sich wohl fühlen und entspannt sein; er darf Beschränkungen, Störungen und Beschwerden seines Körpers keine Beachtung schenken; er muss eine passive Haltung entwickeln, wenn er mit Ablenkungen konfrontiert wird, die ihn sonst aus seiner Meditation herausreißen würden; und schließlich braucht er ein <Haar>. Das <Haar> ist der wichtigste Faktor bei jeder Meditation und gleichzeitig der Grund für die Hauptunterschiede zwischen den einzelnen Religionen.»

«Ein Haar?» fragte Großvater. «Ja, ein Haar», wiederholte der Weise. «Ich will dir das anhand einer Geschichte erklären, die ich vor vielen Jahren von einem Mann in einem fernen Land gehört habe. Denke daran: In dieser Geschichte steht der unbeherrschte Dämon für unseren Geist. Der beherrschte Dämon dagegen ist der spirituelle Geist.»

Und so erzählte der Weise Großvater die alte Geschichte von dem Dämon und dem Haar. «Es war einmal ein Mann, der lebte allein im Wald», begann er. «Er lebte allein, weil er nach dem spirituellen Weg suchte. Aber ihm fehlte eine wichtige Voraussetzung, um Medizinmann zu werden. Jeden Tag ging er in den Wald und suchte nach dem spirituellen Wissen, doch er brachte nie etwas von seinen Wanderungen mit nach Hause. Eines Tages erspähte er auf einem seiner Streifzüge einen Magier, der auf einem Felsen inmitten eines Feldes saß und offensichtlich schlief. Der Mann wusste, dass das ein sehr mächtiger Magier war, der manchmal auch böse sein konnte. Doch die Neugier trieb ihn zu ihm hin. Er schlich sich von hinten an den Magier heran und beschloss, ihn gefangen zu nehmen, damit er ihm das Geheimnis verriet, wie man ein Medizinmann, ein heiliger Mann, ein Heiler wird. Aus einer Rankenpflanze flocht er ein Seil, schlang es um den Magier und fesselte ihn. Da erwachte dieser und schrie den Mann wütend an, er solle ihn wieder freilassen. Aber der Mann weigerte sich, nicht nur, weil er am Wissen dieses Schamanen interessiert war, sondern auch, weil er um sein Leben fürchtete. Er wusste, dass er nach allgemein geltendem Gesetz einen Wunsch bei dem Magier frei hatte; anschließend würde er ihn freilassen. Mit unbeholfenen Worten erklärte er das dem Magier. Diesem war klar, dass er keine andere Wahl hatte, und so versprach er dem Mann, ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Während der Mann darüber nachdachte, was er sich wünschen sollte, wurde der Magier immer wütender und herrschte ihn an, er solle sich doch endlich entscheiden. Da setzte der Mann sich hin und dachte noch angestrengter nach. Das brachte den Magier noch mehr in Wut. Da er ein kluger Mann war, wollte er sich kein Geld und keine Reichtümer wünschen, denn er wusste, dass das nur Böses bringt. Auch um Essen, Häuser oder Gesundheit wollte er nicht bitten, denn das besaß er alles schon. Schließlich bat er den Magier um einen Dämon, wie ihn alle Schamanen besitzen. Er sollte ihm für den Rest seines Lebens und auch noch darüber hinaus dienen. Der Magier, der ebenfalls sehr klug war, versprach: <Ich werde dir einen Dämon schenken, aber nur unter einer Bedingung: Du musst ihn dauernd beschäftigen, im Wachzustand und auch, wenn du schläfst, sonst wird er dich vom spirituellen Weg abbringen und für immer im Gefängnis des Fleisches einsperren.> Ohne lange nachzudenken, beharrte der Mann auf seiner Forderung. Der Magier nickte zustimmend. Im Nu verschwand er, und der Mann war wieder allein.

Auf dem Heimweg stand plötzlich ein kleiner, zwergwüchsiger Dämon vor ihm. <Meister, ich bin dein Dämon>, sagte er. Da freute sich der Mann, denn er hatte schon geglaubt, der Magier würde sein Versprechen nicht halten. Er befahl dem Dämon, ihm zu folgen. Zu Hause angelangt, war er müde von seiner Wanderung und wollte sich hinlegen. Doch da er sich daran erinnerte, dass er den Dämon ständig beschäftigen musste, befahl er ihm hinauszugehen und ihm ein schönes Haus hoch oben auf dem Hügel zu bauen, von dem aus er einen Blick auf das bewaldete Tal hatte, in dem er jetzt lebte. Der Dämon grinste und war im Nu verschwunden. Lächelnd legte der Mann sich zur Ruhe. Doch kaum hatte er die Augen geschlossen, blitzte ein Licht auf, und der Dämon stand wieder vor ihm. Zornig, weil er ihn beim Schlafen gestört hatte, befahl der Mann ihm, ihn nicht zu belästigen, sondern weiter an seinem neuen Haus zu bauen. Aber der Dämon lächelte nur und sagte: <Meister, das Haus ist schon fertig.> Der Mann war entsetzt. Er konnte es nicht fassen, dass der Dämon so blitzschnell ein ganzes Haus bauen konnte. Er ging zur Tür, schaute hinaus und sah hoch oben auf dem Hügel ein wunderschönes Haus stehen. Der Dämon verlangte nach einer neuen Aufgabe und wurde dabei immer größer und Furcht erregender. Der Mann, dem die Größe und die Fähigkeiten des Dämons  panische Angst einjagten, befahl ihm, das Haus zu möblieren, schöne Gärten und Weinberge anzulegen und ein Festmahl für alle seine Freunde zuzubereiten. Wieder lächelte der Dämon und sagte: <Meister, es ist schon erledigt. Gib mir etwas Neues zu tun.> Immer größer wurde der Dämon und immer ängstlicher und verzweifelter der Mann. Jedes Mal, wenn er dem Dämon eine Aufgabe stellte, erwiderte dieser: <Es ist schon erledigt> und wurde noch größer und bedrohlicher. Schließlich befahl der Mann dem Dämon in seiner Verzweiflung, seinen kranken Freund zu heilen, der im Sterben lag. Und wieder sagte der Dämon: <Es ist schon erledigt.> Jetzt war der Mann völlig erschüttert, und er zitterte vor Angst. Der Dämon wurde von Sekunde zu Sekunde größer und Furcht erregender. Der Mann spürte, wie er allmählich seinen Geist umschlang und ihm seine Menschlichkeit raubte. Ihm schwirrte schon der Kopf von der Stimme des Dämons, der ihn unablässig plagte. Es gab kein Entrinnen. So schwierig die Aufgaben, die er ihm stellte, auch sein mochten, immer sagte der Dämon: <Es ist schon erledigt.> In seiner Verzweiflung sprang der Mann aus dem Fenster und rannte durch die Wälder, bis er seinen Verfolger endlich abgeschüttelt hatte. In blinder, panischer Angst hastete er weiter und wäre beinahe mit einem Schamanen zusammengestoßen, der ihm entgegenkam. Erleichtert sank er vor dem Schamanen auf die Knie und erzählte ihm von dem bösen Geist, der ihn plagte. Da lächelte der Schamane  liebevoll auf ihn herab und sagte: <Wir alle haben unsere Dämonen, mein lieber Enkel.> Mit diesen Worten riss er sich eines seiner lockigen Haare aus und reichte es dem Mann. <Gib dem Dämon dieses Haar und befiehl ihm, es glatt zu ziehen>, sagte er. Der Mann warf einen Blick auf das gelockte Haar. <Dieses Haar glatt ziehen?> rief er. <O Gott, du kennst diesen Dämon nicht! Er kann innerhalb von Sekunden ganze Häuser bauen, Festessen zubereiten und Kranke heilen.> Der Schamane brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen und wiederholte: <Gib ihm das Haar und sag ihm, er solle es glatt ziehen!> Noch ehe der Mann etwas sagen konnte, war der Schamane in einem Lichtblitz verschwunden. Wieder war der Mann allein. Er zitterte vor Angst und glaubte dem Schamanen kein Wort, denn er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie ein lockiges Haar ihm beim Kampf gegen einen so mächtigen Dämon helfen sollte. Doch da er keine andere Wahl hatte, kehrte er nach Hause zurück. Plötzlich stand der Dämon vor ihm, größer und Furcht erregender als je zuvor. Mit kreischender Stimme schrie er den Mann an, er solle ihm endlich etwas zu tun geben. Zitternd stand der Mann da; er konnte sich nicht rühren, geschweige denn einen klaren Gedanken fassen. Schon die bloße Gegenwart des Dämons lähmte seinen Geist. Da nahm er den letzten Rest seiner spirituellen Kraft zusammen, reichte dem Dämon das Haar und forderte ihn auf, es zu glätten. Der Dämon riss ihm das Haar aus der Hand, lächelte überheblich, zog es glatt und grinste triumphierend. Doch in dem Augenblick, in dem er das Haar losließ, kräuselte es sich schon wieder. Sofort wurde der Dämon kleiner. Wieder zog er das Haar glatt und ließ es los, und wieder ringelte es sich zusammen. Allmählich wurde der Dämon wütend. Er versuchte es immer wieder, aber es nützte alles nichts: Er konnte das Haar nicht glätten. Inzwischen war er wieder zu seiner ursprünglichen Gestalt zusammengeschrumpft und machte einen verlegenen, unsicheren Eindruck. Als der Mann das sah, nahm er ihm das Haar weg und befahl ihm, ihn nach Hause zu tragen und in sein Bett zu legen. Nachdem der Dämon diese Aufgabe erfüllt hatte, reichte er ihm mit einem breiten Lächeln wieder das Haar und befahl ihm, es glatt zu ziehen. Mit diesen Worten fiel er in einen tiefen Schlaf, den er bitter nötig hatte.»

Als der Weise mit seiner Geschichte zu Ende war, lächelte er Großvater an und sagte: «Das Haar ist nur ein Symbol — ein Symbol für diesen letzten Grundpfeiler der Meditation, verstehst du? An den vielen <Haaren> des Menschen liegt es, dass die Religionen sich auf den ersten Blick so sehr voneinander zu unterscheiden scheinen. Aber wenn man in die Tiefe schaut, sind sie in Wirklichkeit alle gleich, denn sie alle verwenden irgendeine Form der Meditation. Du kennst diese <Haare> sehr gut, aber du hast unzählige andere Namen für sie. Es sind die Gebete und Gesänge, die Rituale und Dogmen, die Zeremonien, das Trommeln und das ganze übrige religiöse Beiwerk, an das die Menschen sich klammern. Wenn sie sich den Ritualen widmen, verstummen die unbeherrschten Dämonen in ihrem Inneren, und ihr spirituelles Ich kommt zum Vorschein. Wenn wir lernen, über diese Hilfsmittel hinauszuwachsen, wird unsere Meditation einfach, rein und dynamisch. Je mehr der Mensch sich dem Körper und seinem begrenzten physischen Verstand zuneigt, um so mehr kunstvoll gekräuselte <Haare> braucht er.» Der Weise sprach gleich weiter, ohne Großvaters Antwort abzuwarten: «Das Problem mit der Meditation heutzutage liegt nicht nur in der Vielzahl der <Haare>, sondern auch darin, dass die Meditation für die Menschen zum Endzustand geworden ist. Die Menschen scheinen diese <Haare> zu brauchen für ihre Suche nach spirituellen Dingen. Deshalb bleiben ihre Meditationen wirkungslos und engen sie nur ein.

Aus Tom Browns Buch „Grandfather“ oder die vergriffene deutsche Version „Leben im Geist der Wildnis“
Das Englische Original gibt es z.B. bei http://www.amazon.de/

Ein Beitrag von Dirk Schröder von „Elementar Erfahrungen“