Ganzheitliches Spuren lesen – holistic Tracker

Eine Einführung in die Welt des Spurenlesens….

The holistic Tracker
Heutzutage ist es schick, Wörter wie „ganzheitlich“ zu verwenden, aber im Bezug auf Spurenlesen kann das ja wohl nur ein Witz sein…

Spurenlesen ist doch das, wo man die Abdrücke von Tieren auf der Erde sieht und diese verfolgt, bis man das Tier gefunden hat und es dann erschießen kann, oder?

Ja und nein. Die Abdrücke der Tiere zu erkennen und zu verfolgen ist natürlich eine Form oder besser gesagt eine Ebene des Spurenlesens, aber Spurenlesen geht eigentlich noch viel weiter. Es ist, wie beim Lesen lernen in der Schule. Zuerst haben wir Mühe, die einzelnen Buchstaben zu erkennen. Später fangen wir an Wörter zu lesen und schließlich Sätze. Irgendwann können wir dann auch ein Buch lesen und schließlich lesen wir die großen Werke der Literaturgeschichte. Trotzdem müssen wir erst einmal das Lesen so weit automatisieren, bis wir auch die Bilder vor unserem geistigen Auge sehen können. Je mehr uns das Lesen in Fleisch und Blut übergegangen ist, desto schöner und detaillierter werden diese Bilder.

Beim Spurenlesen ist es genauso. Erst lernen wir die Abdrücke – die Spuren und Zeichen – dann lernen wir die kleinen Zeichen innerhalb der Spuren zu lesen. Ist das Tier gerade entspannt gegangen oder etwa in Panik galoppiert? Dass da im Abdruck ein Unterschied zu sehen ist, leuchtet wohl jedem ein. Aber es geht noch weiter: Warum ist es gerade hier gelaufen. Wir müssen lernen den Blick von den Abdrücken zu erheben und die Umgebung in unsere Beobachtungen mit einzubeziehen. Nur so werden wir den Beerenstrauch erkennen, der mit seinen reifen Beeren angelockt hat. Uns es geht wieder weiter: Wann war das Tier hier? Dazu müssen wir lernen die Alterungszeichen innerhalb der Spuren und Zeichen zu erkennen – dazu müssen wir lernen unsere Beobachtungen noch weiter auszudehnen und auch das aktuelle Wetter und das der letzten Tage mit einzubeziehen. Naja, und was soll ich sagen, das ist natürlich nicht das Ende der Geschichte. Es gibt da noch die kleinsten Zeichen. Winzige Veränderungen im Druckbild der Spur – sie geben Aufschluss über Fragen wie z. B. War es ein Männchen oder ein Weibchen – hatte es einen vollen Magen – war es krank – schwanger – missgebildet…

Wenn ihr jetzt glaubt, das wäre alles, dann muß ich euch leider sagen: Nein, es gibt noch mehr. Die Apachen Tracker haben hunderte von kleinsten Zeichen in den Abdrücken isolieren können und die Lipan Apachen, zu denen auch Großvater Stalking Wolf gehörte, hatten etwa 4000 kleinste Zeichen isoliert, die über Dinge Aufschluss geben, die zu erfahren gegen das Datenschutzgesetz verstoßen würde. Die Mastertracker waren alte Leute – es heißt, sie saßen auf der Veranda und sahen einen Fremden auf das Haus zu gehen. Noch bevor der Mann die Klinke der Haustür berühren konnte, wussten diese Alten die gesamte Lebensgeschichte des Mannes nur anhand der Dinge, die sie beobachten konnten.

So Spuren lesen zu können bedarf natürlich ein ganzes Leben leidenschaftliche Studien, aber so weit muss man ja vielleicht auch gar nicht kommen.

Ich schreibe das nur, um euch eine Vorstellung der Wahrnehmungsfähigkeiten eines solchen Spurenlesers zu geben. Für einen Tracker ist alles eine Spur. Alles was nicht völlig eben ist, ist eine Spur. Die Wuchsform von Bäumen gibt Aufschluss über längst verfallene Gebäude oder lange vergessene Wege. Die Standorte bestimmter Pflanzen erzählen Geschichten – warum findet man Rosensträucher immer entlang von Zäunen oder Gräben? Das bekannteste Beispiel hierfür ist die Brennessel, die neben jeder Güllegrube wächst. Wenn ihr Hundebesitzer seid, kennt ihr vielleicht diese Brennesselbüsche, die in regelmäßigen Abständen neben eurer täglichen Spazierroute wachsen. Die Winde sind Zeichen von Bewegungen in den Luftschichten – die Wellen am Meer sind Zeichen von Schiffen oder Stürmen draußen auf dem Meer. Die Berge erzählen von Bewegungen der Erdkruste. Die Täler erzählen Geschichten von Gletschern. Euer Körper erzählt Geschichten über euer Leben.

Für einen Spurenleser ist die ganz Welt voller Geschichten – alles spricht zu ihm. Er registriert die kleinsten Regungen seines Nervensystems, keines seiner Bedürfnisse ist im verborgen – das Bewusstsein erweitert sich über die Grenzen des Unterbewussten hinaus. Der holistische Tracker liest in dem Leid, das ein Mensch einem anderen antut, die Spuren von lange vergangenen Verletzungen, von nicht genügend beachteter Trauer und von unerfüllten Bedürfnissen.

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Das nenne ich „ganzheitliches Spurenlesen“ oder holistisches Tracking

Das Spurenlesen ist wohl die effektivste Art der Schulung von Beobachtungsgabe, Konzentrationsfähigkeit und Intuition.

„ Die Natur ist das Klassenzimmer, die Stimmen unserer Ahnen sind die Lehrer, Selbsterkenntnis und inneres Gleichgewicht sind die Herausforderung.“
Tamarack Song, Teaching Drums

Das alles kann man lernen wenn man anfängt an der frischen Luft auf Händen und Knien im Dreck herum zu kriechen.

Die perfekte Zeit damit zu beginnen ist jetzt.

Thomas Lelley

www.urtum.de