GEO-Titelgeschichte

Das Recht der Kinder auf Wildnis, Freiheit und Natur. Zurück auf die Bäume!

Kinder lieben die Natur und brauchen sie. Dass sie kaum noch im Freien herumstrolchen, hält der Biologe und Naturphilosoph Andreas Weber für eine zivilisatorische Katastrophe. Auszüge aus seinem Plädoyer für das „wilde Kind“:

  • Der Abschied der Kinder von der Natur ist nicht folgenlos. Denn mit dem Schwinden des ungezügelten Spiels im Freien droht etwas Unersetzliches verloren zu gehen: die Möglichkeit, seelische, körperliche und geistige Potenziale so zu entfalten, dass Kinder zu erfüllten Menschen werden. Romantik? Nein, ein Befund der Gehirnforscher. …
  • Ohne die Nähe zu Pflanzen und Tieren verkümmert ihre emotionale Bindungsfähigkeit, schwinden Empathie, Fantasie, Kreativität und Lebensfreude…
  • Neue Situationen zu bewältigen, gewährt Autonomie und somit die Reifung zur eigenständigen Persönlichkeit. Viele Eltern verplanen stattdessen mit besten Vorsätzen die Zeit ihrer Kinder, finazieren Cellostunden, einen Judokurs, Fechten, Nachhilfe von Muttersprachlern…
  • Im Wald gibt es Zecken. Und Mücken. Die Angst der Eltern lässt den Aktionsradius ihrer Kinder schrumpfen. Ohne Abenteuer im Lebendigen aber gehen auch die Glanzmomente der Kindheit verloren.
  • Mit derselben Schnelligkeit, mit der die Wildnis aus der Psyche unserer Kinder schwindet, steigt die Häufigkeit ihrer seelischen Krankheiten. So leidet in Deutschland nach Untersuchungen des Robert Koch-Instituts jeder fünfte Teenager zwischen elf und 17 Jahren an einer Essstörung, quälen sich zehn Prozent unserer Kinder mit Symptomen des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndroms ADHS durch die Schule. Diese Leiden werden aber kaum mit einer erhöhten Dosis von Selbstbestimmung therapiert, sondern vornehmlich durch Medikamente: Von 2005 bis 2008 stieg die Zahl der Verschreibungen des ADHS-Mitels Ritalin um ein Viertel…
  • Beim Spielen in der Natur werden Kinder wieder zu „Urmenschen“. Sie spüren mit allen Sinnen, was es heißt, in der Welt zu sein. Selbst das schönste Kinderzimmer ist dafür kein Ersatz…
  • Hunderte von Studien belegen in seltener Eindeutigkeit: Natur spendet Kindern Lebenslust. Und doch hat die gängige Psychologie diesen Zusammenhang ausgeklammert…
  • Natur ist ein Spiegel, in dem ein Kind sich selbst erkennt, als Teil des Ganzen…
  • „Unser Hirn ist ein Sozialorgan“, sagt der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther. Das Gehirn wächst und stellt neue Verbindungen her, wenn ein Kind Erfahrungen macht. Je komplexer die Umgebung, je vielfältiger die Beziehungen, die es in ihr eingehen kann, desto intensiver das kognitive Wachstum…
  • Unsere Schulen schaffen es selten, diese Erfahrungen zu ermöglichen. Sie beschränken sich auf das Verabreichen von Informationen – unter einem Druck, der sich nach dem Schock von PISA nicht gemildert, sondern verstärkt hat. Dabei blockiert der Lernstress das wilde Denken unserer Kinder und hindert sie daran, zu sich selber zu kommen…
  • Wenn das kindliche Gehirn die Dimensionen des Lebendigen nicht widerspiegeln und verarbeiten darf, do werde sie in ihm wirklich nicht angelegt. Es bilden sich keine Synapsen dafür…
  • Ein Fünftel der Kinder ist nie über ein Stoppelfeld gegangen, ein Drittel hat noch keinen lebenden Käfer angefasst. 77 Prozent besitzen hingegen eine Spielkonsole…

Ist eine neue Vertrautheit mit „Wildnis“-Arealen überhaupt noch möglich in einer Zeit, in der mehr als die Hälfte aller Kinder weltweit in urbanen Zonen aufwachsen?

Wer hinhört, erfährt von Kindern aufschlussreiche Antworten: Fast alle wünschen sich, mehr draußen spielen zu können. Drei Viertel der vom Natursoziologen Brämer befragten Schüler hatten Lust, „unbekannte Landschaften zu entdecken“, fast 50 Prozent wollten gern mehr wandern, ebenso viele gern Rehe in freier Wildbahn beobachten. Das Suchprogramm der Kleinen nach dem, was sie brauchen, ist intakt. Es sollt nur nicht länger vertröstet oder zur Faktenverabreichung missbraucht werden…

Was sie begeistert, ist immer eine Handlung, in deren Mittelpunkt sie sehen, die sie selbstständig vorantreiben und von der sie wiederum erfasst werden. Was Kinder begeistert, ist Spiel.

Kinder nehmen die Welt im Spiel wahr. Spielen ist nicht irgendein Zeitvertreib, sondern schöpferisches Einverleiben der Wirklichkeit.

Der US-amerikanische Wildnis-Lehrer Jon Young ist überzeugt, dass das, was er „Vorstellungskraft der Sinne“ nennt eine ebenso fundamentale Kulturtechnik ist wie Lesen, Schreiben und Arithmetik…

Die Kurse, in denen Kinder und Erwachsene Fähigkeiten lernen wie Suren zu lesen, Vogelstimmen zu identifizieren oder die Windrichtung zu spüren, kommen ohne Pauken und Prüfen aus. Der Mentor animiert seine Schützlinge zu spielerischen Aufgaben, stellt neugierige Fragen und lässt sonst die Sinne ihre eigenen Lektionen lernen…

Was Kinder benötigen, sind sinnliche Erfahrungen in Freiheit. Nicht mehr, nicht weniger. Und so schwer wir es akzeptieren können: Zu dieser Freiheit gehört auch ein bisschen Risiko, ein bisschen echte Gefahr.

Und hier einige Familientipps in Kurzfassung:

  • Geben sie sich den Elementen hin, gerade auch bei Schlechtwetter.
  • Kinder lieben es, Dinge zu sammeln: Reservieren Sie eine Kiste oder eine Porzellanschüssel für die Funde und entfernen Sie diskret alles was verwest.
  • Erobern Sie asphaltierte Hinterhöfe als Naturorte zurück.
  • Trauen Sie ihrem Kind etwas zu!