Geschichten, wie die Natur sie schreibt

Wenn frischer Schnee den Boden bedeckt, dauert es nicht lange, bis Natur-Detektive darin die ersten Spuren unzähliger Tierarten lesen können.

In flottem Trab passierte der Hase die Gärten und Wohnhäuser, aus deren Fenstern goldenes Licht schimmerte. Erst am Waldrand schlug er ein gemütlicheres Tempo an. Im Schutz der Bäume ist er sicherer als auf offenem Feld. Wäre da nicht der Fuchs, dessen Spuren sich hier ebenfalls verdichten. Was hat Reineke wohl gesucht? Roch er den Hasen und erhoffte sich eine fette Mahlzeit während der kalten Wintertage? Der Hase jedenfalls genoss sorglos das Futter, das er in Form von zarten Knospen an den jungen Buchenschösslingen vorfand. Das zeigen die zahlreichen abgeknabberten Zweige und die runden, strohigen Kotkügelchen, die überall in seiner Spur liegen. Der Fuchs scheint sich indessen mit einer kleineren Beute begnügt zu haben: Die winzigen Spuren eines hüpfenden Mauswiesels enden abrupt, als sie mit den eng beieinander liegenden Pfotenabdrücken des Fuchses zusammentreffen. Ein geschickter Schleicher, dieser Reineke.

Geschichten wie jene schreibt die Natur überall, wo sich Wildtiere bewegen. Im Winter, wenn Schnee liegt, kann man ihre Schrift am besten lesen. Wer beim Spazierengehen aufmerksam die Schneedecke beobachtet, erkennt schon bald die sich wiederholenden Spurenmuster. Am einfachsten ist es, zunächst einmal einem Hund zu folgen und seine Abdrücke zu untersuchen. Auf den ersten Blick gleichen sie denen des Fuchses, doch bald schon werden die Unterschiede deutlich: Der Pfotenabdruck eines Fuchses ist länglicher, die beiden Vorderzehen liegen so weit vor den seitlichen Zehen, dass man eine quer verlaufende Linie durch den Abdruck ziehen kann. Außerdem „schnürt“ ein Fuchs meistens sehr geradlinig durchs Gelände. Er stromert und schnuppert nicht kreuz und quer herum wie die Hunde, denn schließlich ist er ein Wildtier, muss auf Deckung achten und gerade im Winter gut mit seinen Energien haushalten.

Aber nicht nur am Boden, in Form von Abdrücken, zeigen sich die Spuren. Auch ein Kothaufen kann Hinweise geben, welches Tier sich hier bewegte und was es an Nahrung gefunden hat. An der Rinde der Bäume oder im Stacheldraht verfangen sich oft ganze Büschel von Fellhaaren. War es ein Reh, das sich den juckenden Pelz rieb? Oder stammen die roten, langen Haare vielmehr vom buschigen Schwanz des Eichhörnchens, dessen Spuren sich unten am Baumstamm im Schnee verlieren? Aber gleich so viele Haare auf einmal? Nun, vielleicht birgt die Fichte den Kobel des Eichhörnchens, und der Stamm ist so etwas wie die ständig benutzte „Hauseinfahrt“?

Nur in den seltensten Fällen erzählt die Natur ihre Geschichten ganz eindeutig. Meistens wirft sie unzählige Fragen auf. Wer zum Detektiv werden will, braucht keinen kilometerlangen Marsch in die Wildnis auf sich zu nehmen. Meist reichen schon ein paar Schritte hinaus in den eigenen Garten oder an den Waldrand. Probiert es aus!

Eine gute Grundlage zum Analysieren der verschiedenen Spuren bietet das Buch „Tierspuren“ von Preben Bang und Preben Dahlström, erschienen im blv-Verlag.