Reise in die Karpaten

 Eine Reise in eine „Andere Welt“ – in die Westkarpaten Rumäniens

Die Reise dauerte lang: Mit einem großen rumänischen Busunternehmen ging es von München aus über Wien, Budapest nach Rumänien bis Medias, in Transilvanien – insgesamt waren wir ca. 30 Stunden unterwegs! Es war zwar Oktober 2006, dennoch saßen wir auf der hintersten Sitzbank direkt über dem Motor und schwitzten wie in der Sauna. Irgendwann tat alles weh, du wußtest nicht mehr wie du sitzen oder liegen solltest. Jede Pause war daher willkommen!

Die ersten Eindrücke Rumäniens begannen bei einer solcher Pausen auf einer Tankstelle in einer rumänischen Stadt kurz nach der Grenze, nachdem wir immerhin 2 Stunden warten mußten:

Ein Spieler, der aus dem nichts kam, nur mit einem Tuch und drei kleinen Bechern und einer kleinen Schaumstoffkugel versuchte den Reisenden Geld zu entlocken, versprach ihnen eine einfache Gewinnchance, wenn sie ihm nur sagen konnten unter welchem Becher die Kugel versteckt war, nachdem er die Becher mit immer schneller werdender Geschwindigkeit vertauschte. Die Chance ist gleich null. Mir wurde angeraten nicht einmal dabei zu zuschauen, da es nicht selten zu Streitigkeiten und Schlägereien kommt wegen dem verspielten Geld. Aber so schnell wie er kam ist dann der Spieler auch schon wieder verschwunden – und mit ihm die 100,00 € oder mehr Einsatz Glücksspiele sind auch in Rumänien nicht erlaubt aber dennoch geduldet.

An den nächsten Haltestellen der größeren Städte laufen nicht selten Kinder in abgewetzten, schmuddeligen Kleidern zwischen den Reisenden herum und betteln um Geld, manchmal sogar recht penetrant.

Rumänien habe ich als Land mit vielen Facetten kennen gelernt – ein Vielvölkerstaat, daß sowohl Armut als auch Reichtum direkt nebeneinander aufzeigt. Straßen, die nur notdürftig gebaut sind, voller Schlaglöcher, dann wieder einzelne Baustellen, in denen ein paar 100 m wieder neu geteert werden. Oder Häuser zwischen den zerfallenen gebaut werden, und als Bauruinen stehen bleiben.

Staubige Nebenstraßen, dann wieder neueste Lagerhallen, Autohäuser, mitten im Nirgendwo oder am Stadtrand, die den westlichen Wohlstand ankündigen.

Über die flachen kargen Ackergebiete kurz nach Arad werden weiter im Osten die Karpaten sichtbar, die wie ein Kessel zu fast allen Seiten Transilvanien, oder Siebenbürgen, einschließen. Unsere erste Etappe führt uns nach Medias, wo die Eltern von Willi, meinem rumänisch-deutschen Begleiter, wohnen, und wo wir auch die Gegend erkunden wollen.

Denn wir haben auch nicht viel Zeit, nur 6 Tage, um die Plätze anzuschauen, die wir für unser geplantes Jugendcamp, in den Karpaten, nächstes Jahr in den Sommerferien, anvisieren. Deswegen auch diese Reise. Willi, der dort aufgewachsen ist, und 20 Jahre lang Bergführer war, kennt die Gegend wie seine Westentasche und war begeistert von meiner Idee in den Karpaten ein Wildniscamp durch zu führen. Auch mit dem Hintergrund den Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren das einfache Leben der Bergbauern dort zu zeigen.

Aber zunächst sind wir von der ehemaligen, verstaubten Industriestadt Medias mit einem ausrangierten deutschen Stadtbus auf das Land hinausgefahren, um uns erste geeignete Plätze für unser Vorhaben anzuschauen. Der Vater von Willi, ein sehr guter Kräuter- und Pilzkenner erzählte, daß er, wie viele Rumänen, selbst Gemüse, Wein, Obst, hauptsächlich zur Selbstversorgung und den Rest zum Verkauf, anbaut. Daneben züchtet er Bienen, und beklagt, daß auf Grund der schlechten Luft in Medias in den letzten Jahren drei seiner fünf Bienenvölker eingegangen sind.

Die Luft auf dem Land ist dagegen klar und sauber und läßt unsere Lungen wieder aufatmen und erholen. Ich hatte in Medias jedenfalls ziemliche Probleme mit der Luft.

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Reichersdorf bei Medias, eines der ehemaligen sudeten-
deutschen Dörfer,in dem jetzt ca. 70 % Zigeuner wohnen

Bei wunderschönem Wetter wanderten wir in ein Tal der mit Laubmischwald bestandenen sanften Hügellandschaft. In den Tälern ist weniger Ackerbau, eher Viehhaltung. Traditionell ist in Rumänien die Schafhaltung sehr verbreitet, besonders in den Bergen. Dazu gibt es auch Geschichten zu erzählen, die aber den Rahmen dieses Berichtes sprengen würden. Aber zu erwähnen ist, daß unbedingt vor den freilaufenden und den Hütehunden acht gegeben werden muß, da sie recht aggressiv werden können. In Städten laufen oft ganze Rudel durch die Straßen, die da aber eher mit sich beschäftigt sind.

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Kutschen sind die gängisten Fortbewegungsmittel auf dem Land

Jedenfalls war das Highlight dieses Tages, daß ich das erste Mal in meinem Leben gesehen habe wie geköhlert wird, d.h. Wie aus Holz Kohle gemacht wird, in sogenannten Kohlemeilern. All dies fand auf dem Gelände des Försters statt, der es dafür vermietet hat. „Zufälligerweise“ kommt er auch gerade dazu, als wir uns mit den Köhlern unterhalten (bzw Willi und sein Vater), da wir ihn sowieso wegen der Nutzung des Platzes für unser Camp fragen wollten. Er würde uns bereitwillig, kostenlos eine Lichtung weiter hinten im Wald und die Forsthütte zur Verfügung stellen. Eine Quelle neben dran inklusive. Er erzählte uns auch, daß er als Revierförster für alles zuständig ist und trotzdem umgerechnet nur 100,00 € (!) im Monat bekommt, weshalb er seine Finanzen mit dem Köhlern auffrischt.

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Aufbau eines Köhlermeilers aus Buche

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Köhler beim abdichten von Luftlöchern

 

 

 

 

 

So geht es aber vielen Menschen in Rumänien, was sie an die Grenze des Existenzminimums bringt aber andererseits habe ich auch den Eindruck, daß die Menschen auf dem Land v.a. in den Bergen zumindest sich untereinander helfen, und auch sehr kreativ sind, wenn es darum geht sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Wie z.B. Taxifahrer, die mit ihrem Privatauto am Bahnhof stehen und ihre Dienste anbieten, über den Preis sollte man allerdings auch verhandeln. Die rumänischen Dadschas sind oft nicht mehr die besten. Unser TÜV hätte sie schon längst von der Straße geholt.

Am nächsten Tag ging es dann weiter nach Teius, in die nördlicheren Westkarpaten. Mit einem himmelblau gestrichenen veralteten Zug, bummelten wir durch die teilweise trostlose und dann wieder abwechslungsreiche Landschaft .- mit so einigen Schafherden. Die Türen des Zuges blieben oft offen, darum kümmerte sich keiner. Der Schaffner in der Uniform knipste unsere Pappkarten wie in alten Zeiten bei uns ab. Ein Schmunzeln konnte ich mir dabei nicht verkneifen. Aber es hatte absolut seinen Reiz, etwas nostalgisches und für die Menschen dort, die sich die 1,00 €-Fahrt (!) über eine Stunde leisten konnten eine Alternative zum Bus. Viele konnten das Geld anscheinend nicht aufbringen.

In Teius angekommen fuhren wir mit dem schon erwähnten Taxi zu einem Freund von Willi, dessen Schwiegermutter den Bauernhof in den Bergen hat, den wir uns ansehen wollen. Noch am selben Nachmittag geht es mit dem Linienbus in das enge Tal auf Abenteuerfahrt über Schlaglöcher – zum Orthodoxen-Kloster Remet. Kurz davor steigen wir aus. Mihael, der Freund, führt uns dann hoch in die Berge und erzählt unterwegs von dem Leben der Menschen in dem Dorf (d.h. eher, daß die Häuser über die Hänge verteilt und nur durch Pfade verbunden sind) damals als auch noch junge Menschen, Familien das Dorf bevölkerten.

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Westkarpaten bei Teius

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Stall des Bauernhofes von Mihas Schwiegermutter

 

 

 

 

 

Heute leben nur noch Alte dort oben. Immerhin hat das Dorf Strom  in eigener Regie dorthin verlegt, in Schwerstarbeit! Aber wohl umsonst, da die Alten nach und nach wegsterben und die Jungen in Städten oder im Ausland ihr Glück versuchen.

Die Hänge sind gesäumt von Heuwiesen, einzelnen Gemüsegärten und Obstplantagen, die dieses Jahr so viel tragen, daß sie mit der Ernte von Äpfeln, Birnen und v.a. Zwetschgen (für die eigene Schnapsbrennerei) nicht mehr nachkommen. Die mit Jungbäumen und Sträuchern wieder bewachsenen ehemaligen Wiesen und brachliegenden Gemüseanbauflächen zeugen auch von der Landflucht, da sie niemand mehr bewirtschaften und pflegen kann.

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Hütte zum schlafen und backen

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Miha beim Kühe melken

 

 

 

 

 

Oben angekommen verkündet Mihael den anderen Dorfbewohnern auf der anderen Seite des Hochtals, daß er jetzt hier ist, und bekommt auch eine Antwort von dort, daß alles OK ist. Das „Bergtelefon“ ist der Ruf, der durch die Berghänge sehr gut zurück schallt und weit zu hören ist. Es geht eben auch ohne Strom. Aber auch gut wirksam als „Nottelefon“.

Was ich oben, auf ca. 1100m sehe, ist wie in einem Freilichtmuseum – das Leben ist dort fast noch wie vor 100 Jahren, einfach, hart, entbehrungsreich, ohne fließendes Wasser, aber mit Quellen, und dem Leben in wunderschöner alpiner Landschaft der Berge, die noch Schätze in sich tragen, die anderswo schon verschwunden sind. Seltene Pflanzen- und Tierarten, die Herzlichkeit und Freundlichkeit der Menschen die auch mich wie ihren Freund empfangen haben, und sich nicht vorstellen könnten irgendwo anders als in den Bergen zu leben, bei ihren Kühen, Hühnern, Schafen, Katzen – dort wo sich Wolf und Bär noch gute Nacht sagen. Der Zauber der Landschaft hat mich in seinen Bann geschlagen. Sie kennen nicht viel anderes und sind zufrieden, mit dem was sie haben.

Am letzten Tag dort oben, zeigt uns Mihael sein Dorf, wo er geboren ist, wo noch sein Vater, Onkel und älterer Bruder wohnen, und ich bin berührt von der herzlichen Ausstrahlung dieser Menschen, von ihren einfachen Hütten. In einer von ihnen wird gerade Schnaps gebrannt wird. Schmeckt übrigens hervorragend (obwohl ich sonst kein Schnaps trinke mußte ich es hier mal probieren)! Mihaels Vater zeigt uns mit seinen über 70 Jahren noch, wie er in der alten Schmiede früher Hufe für die Ochsen und Werkzeuge geschmiedet hat.

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Bäuerin mit Zwetschgenernte im Gespräch mit Willi und Miha

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Tal des Dorfes

 

 

 

 

 

 

Schon jetzt steht meine Entscheidung fest, daß ich mit den Jugendlichen hier oben hin möchte, um mit ihnen ca. eine Woche hier zu leben, zu lernen, das einfache Leben der Bauern kennen zu lernen.

Auch Mihael hat sofort seine Unterstützung zugesagt und sich bereit erklärt, den Jugendlichen das Leben hier zu zeigen. Verbunden mit dem was die Natur uns zu bieten hat, und immer im Respekt vor den Menschen, ihrer Kultur und Lebensweise – und der Natur, den Bergen und der Landschaft der Karpaten näher zu kommen. Verbunden mit dem Wissen und der Fertigkeiten der Naturvölker über das Leben im Einklang mit der Natur. Diese Bergbauern haben mir ein Stück weit vor Augen geführt, daß man auch mit einem einfachen Leben glücklich und zufrieden sein kann.

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Bei Mihas Vater, dem Schmied

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, der uns auch schmieden vorführt.

 

 

 

 

 

Und irgendwie kann ich diese Menschen hier oben verstehen: hier läuft die Zeit anders, bedächtiger (wie überhaupt in Rumänien), und der Rhythmus ist von der Natur vorgegeben. Hier sind sie nahe an der Natur, denn sie gibt ihnen alles was sie zu einem zufriedenen Leben brauchen. Es ist sicher kein leichtes Leben, es ist mit viel harter Arbeit und mit Entbehrungen verbunden.

Mihael erzählte noch, daß er allerdings sehr gerne hier oben leben würde, aber da würde seine Frau nicht mit spielen. Ihr wäre das Leben zu schwer.

Am späten Nachmittag gingen wir wieder hinab in das Tal, denn wir wollten noch eine Klamm aufsuchen, was sich absolut gelohnt hat. Danach gingen wir in das das Kloster wo wir wir über Nacht blieben. Willi kennt die Oberschwester sehr gut, und sie war auch sehr aufgeschlossen für unsere Idee mit der Jugendgruppe und sagte uns ihre volle Unterstützung zu.

Nach einer längeren, eher einschläfernden Liternei – dem dreistündigen orthodoxen Gottesdienst im Kloster –  bekamen wir ein Zimmer und Dusche und ließen es uns nach den Reisestrapazen gut gehen. Am frühen Morgen ging es dann mit dem Bus wieder zurück nach Teius und auf die Heimreise nach München – diesmal „nur“ 24 Stunden aber mit dreistündigem Aufenthalt an der Rumänisch-Ungarischen Grenze.

Diese Reise führte mich in ein Land mit vielen Fascetten, von  (v.a. innerem) Reichtum, Freundlichkeit, Herzlichkeit, Gastfreundschaft.  hinterlassen tiefe Eindrücke in mir, aber auch die   Schattenseiten sind erkennbar, wie Armut, Mißtrauen, Korruption. Ich verlasse dieses Land mit der Dankbarkeit einmal wieder in ein anderes Leben, in eine andere Kultur hinein geschnuppert zu haben. In einem Land, in denen ich sehr gastfreundliche Menschen kennen gelernt habe, und einer grandiosen Landschaft der Karpaten.

Hoffen wir, daß der kommende EU-Beitritt 2007 auch ihre Kulturen und ihre Schätze berücksichtigt und nicht wieder eine westliche Weltanschauung überstülpt, in dem Glauben, einem wirtschaftlich ärmeren Land etwas „Gutes“ zu tun, (oder sich zu bereichern?) sondern auch die Sitten und Gebräuche der Menschen dort wert-schätzt!

Und mögen die Menschen in Rumänien selbst sich ihrer Schätze bewußter werden, und mehr Selbstvertrauen in sich gewinnen. Mögen auch wir westlichen Länder bereit sein, von ihnen zu lernen und Werte, die bei uns vielerorts verloren gegangen sind, wieder leben lernen. So können wir können viel voneinander lernen und zusammen wachsen.

Wer sich noch mehr über Rumänien und speziell die Kultur und Karpaten erkundigen möchte, dem kann ich nur die hervorragende, sehr informative Webseite http://www.karpatenwilli.de/ empfehlen (hat nichts mit meinem Begleiter Willi gemeinsam!)! Er gibt auch Tipps zu Wanderungen und vertreibt auch topografische Karten von den Karpaten.

Es freut mich, wenn ich dem/der LeserIn einen kleinen Eindruck von Rumänien verschaffen konnte. Die Bilder sprechen sicher auch für sich.

Alles Gute wünscht
Hartmut Rieck
Natur- und Wildnisleben