Samhain – Zeit der Ahnen

Im November stirbt die Natur und legt damit den Grundstein für neues Leben – der Kreislauf schließt sich

Der November ist die Zeit des Sterbens und Loslassens. Kaum ein Vogel zeigt sich uns mehr, geschweige denn dass wir sein Lied zu hören bekommen. Die meisten haben sich in den wärmeren Süden verabschiedet. Die Bäume – das stehende Volk – können der mitteleuropäischen Kälte im Winter nicht entfliehen. Nach den ersten kalten Nächten vergilben ihre Blätter und die nährenden Säfte ziehen sich aus den Ästen in die Tiefe der Wurzeln zurück, die geschützt unter der Erde liegen. Zurück bleiben kahle Äste und Stämme, die an Skelette erinnern. Aus der Ferne lässt sich kaum beurteilen, ob der Baum bereits abgestorben ist oder einfach nur „schläft“. Was Bäume, Pflanzen und Tiere im November so selbstverständlich durchlaufen, ist ein Thema, das vielen Menschen Angst macht: das Loslassen des Altgewohnten, das Sterben.

Die Kelten zelebrierten um den 1. November herum Samhain, eines der vier großen Feste im Jahreszyklus. Sie erzählten sich Geschichten von Helden, die um diese Zeit ihren Weg in die Welt der Toten antraten, und von Geistern und Elfen, die dann aus der Anderswelt in die reale Welt hinüber schwirrten. Zu Samhain wurden die Grenzen zwischen den Welten durchlässig; es war die Zeit, in der Begegnungen zwischen Lebenden und Toten stattfanden. Mit dem November begann bei den Kelten der neue Jahreskreislauf, wie auch mit dem Einbruch der Dunkelheit für sie der neue Tag begann. Der Tod war die Voraussetzung dafür, dass neues Leben entstand. Und das erkannten sie an.

Ihre Lebenseinstellung nahmen die Kelten direkt aus der sie umgebenden Natur: Während sich die Lebenskraft der Bäume in die Tiefe des Erdbodens zurückzog, hatten die Bäume mit den Blättern auch ihre Früchte und Samen abgeworfen. Umgeben von einer harten Schale und schließlich geschützt unter einer dicken Schneedecke war in diesen winzigen Kapseln alles an Material und Information enthalten, was im Frühling frisches Leben entstehen ließ. Um die kalte Jahreszeit zu überstehen, nährten sich die Menschen von ein paar jener Samen, von Nüssen und Wurzeln – und damit vom Vertrauen auf die Lebenskraft, die in einem geschlossenen Kreislauf wiederkehrt.