Übergangsrituale Initiation

Wie können Jungen auf der Suche nach ihrer Identität begleitet werden?

Interview mit Dirk Schröder, 52, Wildnispädagoge, Vater einer Tochter (21) und eines Sohnes (20), veranstaltet unter anderem Naturcamps, Wildniswochenenden und Initiationskurse für Jungen.

Herr Schröder, Ihre Kurse zum Bogenbau besuchen meist Väter mit ihren Söhnen. Was können sie dort gemeinsam erleben?

Diese Kurse liegen mir besonders am Herzen, weil sie ganz neue Verbindungen und Erfahrungen für Vater und Sohn bedeuten kön­nen. Jeder baut seinen eigenen Bogen und dazu Pfeile, wobei es viele Möglichkeiten gibt, sich gegenseitig zu unterstützen. Zum Abschluss vermittle ich erste Kenntnisse im »Intuitiven Bogen­schießen«. Damit gehen Vater und Sohn mit einem breiten Spek­trum an gemeinsamen Erfahrungen und Erlebnissen nach Hause, die sie lange darüber hinaus verbinden. Dieser Kurs kann die Bezie­hung auf eine ganz neue Ebene heben und der Anfang gemein­samer Interessen sein. Ich habe dabei bewusst den Bogensport gewählt, weil er eines der archaischen Elemente in uns symbolisiert und den Jäger im (heranreifenden) Manne weckt.

Was lernen Jungen und Mädchen in Ihren Naturcamps?
Die Kinder lernen Fertigkeiten, die sie brauchen, um in der Natur zu leben bzw.. zu überleben.Wenn sie wissen, wie sie eine Notbehausung herstellen können, erfahren haben, wie sie Feuer auch bei schlechtem Wetter machen können, nur mit den Anzündern der Natur, wenn sie die häufigsten essbaren Pflanzen kennen gelernt haben und wissen, wo sie Wasser bekommen, fühlen sie sich in der Natur gleich viel sicherer. Die Kinder lernen darüber hinaus auch den Umgang mit dem Messer und bekommen Fertigkeiten vermittelt, um Schalen und Essbesteck mit einfachen Mitteln selbst herzustellen. Feuer ist drau­ßen lebenswichtig. Deshalb ist der sichere Umgang mit Feuer ein wichtiger Bestandteil des Trainings. Schließlich braten die Kinder selbstständig ihr Essen auf der eigenen Feuerstelle.

Anders als in der Schule lernen die Kinder hier über den Antrieb durch Neugierde und Notwendigkeit. Wir nennen das >Coyote­Teaehing«. Dabei geben wir im rechten Moment kleine Hinweise oder Hilfestellungen, so dass die Kinder schließlich ihre Aufgaben selbstständig lösen können.

Warum finden Sie es wichtig, dass Kinder solche Dinge lernen. Können sie das denn für ihr tägliches Leben brauchen?

Der Kontakt zur Natur geht den Kindern zunehmend verloren. Gameboy, Computerspiele und Videos sind vor allem für Jungen an ihre Stelle gerückt. Ich mache die Erfahrung, dass das Leben in der Natur die Kinder selbstbewusster macht. Wer einmal mit einem einzigen Streichholz ein Feuer anbekommen hat, vergisst diese Fer­tigkeit nie wieder. Die Augen der Kinder leuchten dann, und sie sind stolz auf ihre Leistung. Das Feuer lehrt sie von ganz allein, dass es gefüttert werden will. Sie überwinden ihre Widerstände, und ihre Verweigerungshaltung verwandelt sich in Motivation.

Ein Nebeneffekt ist, dass Kinder den respektvollen Umgang mit der Natur und miteinander erfahren. Sie begreifen da draußen schnell, dass wir alle miteinander verbunden sind.

Sie bieten auch, gemeinsam mit Christiane Wegener, Wochenenden für Familien an zum Thema »Über-Leben in der Natur«. Was verbirgt sich dahinter?

Wie wir in dem Camp leben – im Einklang mit der Natur und den Elementen -, das ist meistens auch ungewohnt für die Eltern. So machen Eltern und Kinder gemeinsam neue Erfahrungen. Eltern lernen, was sie ihren Kindern zumuten können, und bekommen dahingehend Vertrauen, dass ihre Sprösslinge verantwortungsbe­wusst mit Messer und Feuer umgehen lernen. Die notwendigen Aufgaben im Camp unterstützen die Interaktion und das Miteinan­der aller Beteiligten. Dabei werden die individuellen Fähigkeiten gefördert, ohne jemanden zu überfordern. Schon nach kurzer Zeit erleben wir in den Kursen die Kraft und Unterstützung der großen Gemeinschaft. Eltern können ihre Kinder im Camp ganz neu ken­nen lernen – und umgekehrt. So gehen sie mit neuen gemeinsamen Erfahrungen heim, die sie stärker zusammenschweißen.

Warum versuchen Sie in Ihren Initiationskursen ein altes Ritual wieder zu beleben? Was passiert da mit den jungen?
Das Wissen, das wir in den Kursen vermitteln, stammt von den Naturvölkern, die im Einklang mit der Natur gelebt haben und teilweise heute noch so leben. Das heißt, sie durchlaufen auch bewusst den Jahreszyklus und das Rad des Lebens. Bei diesen Völ­kern waren Übergangsriten ein fester Bestandteil ihrer Kultur. So wurde ein Junge im Alter zwischen 12 und 14 Jahren in den Kreis der Männer initiiert. Dabei war die Loslösung aus der Obhut der Mutter ein wichtiger Bestandteil des Rituals.

Wie können solche Initiationsrituale bei uns aussehen?
In unserer Gesellschaft gehört an diese Stelle der bewusste Über­tritt in den Lebensabschnitt der Jugend, in die Jahre des Teen­agers. In diesem Ritual geht es darum, in einem geschützten Rah­men die Grenzen der Kindheit zu erweitern und neue Erfahrungen zu machen. Selbst gemachten, gefährlichen Initiationsritualen wie

Autorennen oder Saufen bis zum Umfallen werden so sicher beglei­tete Herausforderungen in der Natur beim Übergang in die Jugend entgegengesetzt.

Was muss sich ändern, wenn die Heranwachsenden in ihre Familie und in ihr Umfeld zurückkehren?

Der bewusste Übertritt aus der behüteten Obhut der Mutter in den Kreis der Männer ist ein ganz wichtiger Schritt im Leben eines Jungen. Dazu gehört es, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen und neue Aufgaben übertragen zu bekommen, die seinem Alter und Entwicklungsstand angemessen sind, den Jugend­lichen aber durchaus herausfordern dürfen. Das heißt, die Eltern sind aufgerufen, in ihrem Alltag etwas zu verändern. Zum Beispiel sind nun die Männer in der Familie und im Freundeskreis die Ansprechpartner für den jungen Mann. Es könnte sein, dass der Vater allein mit dem Jugendlichen etwas unternimmt, das eine Herausforderung darstellt, und dass die Mutter ihn von bestimmten Aufgaben entlässt und ihm andere überträgt.

Da wir in unserer Kultur keine festen Rahmenbedingungen für diesen Übergang haben, sollten die Eltern sich im Vorfeld berat­schlagen, was für ihren Sohn angemessen ist und wie sie dies im Laufe der Zeit steigern können. Ich möchte noch einmal betonen, dass die Mütter sich mit ihrer Fürsorge zurücknehmen müssen und gleichzeitig die Väter mehr für die Jungen da sind und sie in den Kreis der Männerfreunde einführen.

Wenn der Vater fehlt – was ja immer öfter vorkommt – ist es gut, wenn der Junge sich einen Paten sucht, der ihn in den kommenden Jahren begleiten kann.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Infos zu seinen Angeboten unter http://www.elementar-erfahrungen.de/