Wildtiere unter uns

Während es uns Menschen raus in die Natur zieht, halten Wildtiere Einzug in die Stadt.

Aus der Presse:

Wolf aus Italien bei Pöcking (Starnberger See) gefunden

Ende Mai 2006 ist ein überfahrenes wolfsähnliches Tier bei Pöcking von örtlichen Jägern geborgen und mit Hilfe des Landratsamts Starnberg einer genaueren Untersuchung zugeführt worden. Inzwischen liegen die Ergebnisse der Sektion und der genetischen Proben vor: Bei dem gefundenen Tier handelt es sich um einen italienischen Wolf. Das 30 Kilogramm schwere Tier wird auf zwei bis drei Jahre geschätzt und ist in einem mäßigen Ernährungszustand gewesen. Beim Vergleich der DNS des Tieres mit anderen Funden im Alpenbogen fand man heraus, dass ein am 29. März 2006 im italienischen Formazzatal nahe der Schweizer Grenze gefundener Wolfskot das gleiche Muster zeigte. Der junge männliche Wolf hat also innerhalb von zwei Monaten eine Strecke von über 250 Kilometer Luftlinie bis nach Pöcking zurückgelegt. Diese Meldung wurde allerdings erst ein halbes Jahr nach dem Unfall bekannt gegeben um keinen weiteren Medienrummel nach „Bruno“ auszulösen.

Bei genauerer Betrachtung wurde dieser Wolf gerade mal 20 km Luftlinie von meinem Wohnort gefunden, und auch „Bruno“, der Bär, wurde nur ca. 30 km entfernt in Kochel am See gesehen. Leider endete die Geschichte in beiden Fällen traurig – zumindest für die Tierfreunde in der Bevölkerung (man erinnere sich an den Aufruhr, den der arme Bruno verursacht hat). Bruno wurde erschossen und der Wolf überfahren. Aber Hand aufs Herz: wie würde es einem selbst ergehen, wenn man ohne jegliche Vorwarnung auf einem gemütlichen Spaziergang durch heimische Wälder plötzlich auf Wolfs- oder Bärenspuren stößt? Sofern man die Kunst des Spurenlesens beherrscht, würde einem der Schreck vermutlich gehörig in die Glieder fahren. Ich wäre jedenfalls platt, aber auch begeistert! Denn für solche Funde muss man ja normalerweise schon ein bisschen weiter reisen. Wie es scheint, bleiben Wolf und Bär jedoch keine Ausnahmen, in Zukunft werden noch andere Wildtiere folgen.

Hier am Alpenrand ist zum Teil zwar noch genügend „wilde“ Natur vorhanden, die diesen Tieren Unterschlupf bieten kann, umso mehr hat mich jedoch vor einigen Jahren ein Artikel über Wildtiere in der Stadt (Magazin der Süddeutschen) erstaunt. Würde man München auf den Kopf stellen und kräftig ausschütteln, käme so manches „wilde“ Tiere zum Vorschein. Damit sind allerdings weniger exotische Tiere gemeint, die von Menschen ausgesetzt werden, weil sie als interessante Haustiere ausgedient haben, oder solche, die ein Leben hinter Gittern satt hatten und aus den Tierparks ausgebüchst sind. Nein, es sind vor allem Tiere, die normalerweise in der heimischen „Wildnis“, besser gesagt in freier Natur, leben. Vom Biber bis hin zu Fuchs und Rothirsch wurde so ziemlich alles schon gesichtet. Auch wenn wir in der Regel keines dieser Tiere zu Gesicht bekommen, lohnt es sich doch, sich im Stadtpark auf Spurensuche zu begeben, oder sich einen guten, ruhigen Platz zu suchen und abzuwarten.

Vom Bund Naturschutz gibt es eine interessante Broschüre zum Download „Wildtiere in München“ http://www.bn-muenchen.de/service/publikationen/

Beschrieben sind Merkmale, Besonderheiten und Lebensweise/Vorkommen

Hier ein paar Beispiele:

  • Biber – Isar am Deutschen Museum, Isarauen
  • Fuchs – naturnahe Gebiete, Friedhöfe, Schrebergärten und Parks, auch schon am Marienplatz gesehen
  • Dachs – Englischer Garten, Aubinger und Allacher Lohe
  • Wildschwein – Forstenrieder Park
  • Reh – Englischer Garten, Nymphenburger Park, alle Wälder in der Stadt
  • Rothirsch – im nördlichen Englischen Garten, Hirschau

Ein Grund für diese Zuwanderung ist das große Nahrungsangebot: in Gärten und Mülltonnen läßt es sich leben wie im Schlaraffenland, und Katzen- bzw. Hundefutter bilden mal eine Abwechslung auf dem Speiseplan. Auf Berlins Friedhöfen sind selbst die Grablichter vorm hungrigen Meister Reinecke nicht sicher: er knackt das Plastik auf und labt sich am Kerzenwachs. In Fuchsbauten finden sich neben Hamburger-Verpackungen auch zahlreiche Babywindeln (über Geschmack läßt sich bekanntlich streiten!).

Aber auch die Mischwälder in und rund um München bieten mehr Nahrung als die Fichtenmonokulturen in anderen Wäldern. Weiterere Vorzüge der Stadt gegenüber öden Agrarlandschaften sind die zahlreichen Unterschlupfmöglichkeiten, die Wärme und die Helligkeit durch Rund-um-die-Uhr-Beleuchtung.

Die Anpassungsfähigkeit dieser Tiere im Stadtrummel ist scheinbar enorm. Ein wenig seltsam mutet dies durchaus an: wir Menschen entfliehen der Stadt bei jeder passenden Gelegenheit, umgekehrt halten eben jene Tiere Einzug in die Betonwüsten, mit denen man sonst nur in der freien Natur rechnen würde. Konkret bedeutet das, während sich Mensch genüsslich am Starnberger See in der Sonne aalt, plündern Fuchs, Waschbär und Co. daheim die Mülltonne!

Welche Konsequenzen hat das für die Wildnisschulen Bayerns? Nun ja, in jedem Fall denken wir intensiv über Spurenlesekurse in der Stadt nach….

Richard Pradel

info@naturzeit-wildnisschule.de