Zugvögel werden „fauler“ – Einfluss des Klimawandels

In unseren Breitengraden gehören zum Herbst auch die Vogelschwärme, die sich auf ihren Zug in den Süden vorbereiten. Doch damit könnte es früher oder später vorbei sein. Experten haben festgestellt, dass die Zugvögel aufgrund des Klimawandels später in den Süden ziehen und die Flugstrecke reduzieren. Einige Arten könnten hierzulande künftig sogar überwintern. Ob sie den Winter in unseren Regionen überleben, ist jedoch ungewiss.

Beim Zeitpunkt von Abflug und Ankunft orientieren sich die Zugvögel unter anderem an den natürlichen Bedingungen vor Ort: Sie fliegen ab, wenn die Luft kühler und das Futter weniger wird. Und sie kehren zurück, wenn die Natur für die Aufzucht der Jungen gerade reichlich Nahrung und gute Nistplätze bietet. Seit einigen Jahren stellen Ornithologen fest, dass manche Zugvogelarten sich den wärmeren Temperaturen anpassen – auch genetisch.Francisco Pulido und Peter Berthold vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell haben das Verhalten von Mönchsgrasmücken in einem Modellversuch unter die Lupe genommen.

Von 1988 bis 2001 zogen sie insgesamt 757 junge Mönchsgrasmücken auf, die sie zuvor den Nestern entnommen hatten. Die jeweilige Sonnenscheindauer während der Jahreszeiten gaukelten sie ihren Versuchstieren durch künstliche Beleuchtung vor. Jeden Herbst maßen die Forscher die einsetzende Zugunruhe der Jungvögel an der Dauer des unruhigen Verhaltens während der Nacht, das sich im Flattern und Hüpfen auf der Sitzstange äußert. Es entspricht in etwa der Dauer des Fluges ins Überwinterungsgebiet.

Die Theorie der Forscher wurde bestätigt: Die Zugaktivität der Vögel nahm Jahr für Jahr ab, was in freier Wildbahn eine immer kürzere Flugstrecke bedeutet. Selbst in ihren Genen zeigten die Vögel bereits entsprechende Veränderungen. Bei Zugvögeln, deren übliche Strecke weniger als 1000 Kilometer beträgt, könnte dies für das Überleben der Population ein Vorteil sein.
Für Langstreckenzugvögel, deren Weg über die Wüste oder übers Meer führt, hätte eine solche verminderte Zugaktivität jedoch verheerende Folgen: das Überwintern in der Wüste oder im Meer würde ihren sicheren Tod bedeuten. Und auch bei den Kurzstreckenfliegern gibt es Risiken. Infolge eines zu späten Abflugs oder einer zu frühen Ankunft können sie jederzeit Opfer eines Kälteeinbruchs werden – ebenso wenn eine Population schließlich ganz auf den Wegzug verzichtet.